Die Skala der Ausbildung – einfach erklärt
Sechs Begriffe, die jede Reiterin kennt – und was sie in der nächsten Reitstunde konkret bedeuten.
Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung: Die Skala der Ausbildung hat jede Reiterin schon einmal aufgesagt. Oft wird sie aber wie eine Treppe verstanden, die man Stufe für Stufe abarbeitet. So ist sie nicht gemeint.
Die Skala der Ausbildung beschreibt sechs Ziele, die sich gegenseitig beeinflussen und teilweise parallel entwickeln. Sie ist systematisch, nicht schematisch zu verstehen. Ziel ist ein Pferd im Gleichgewicht, das durchlässig und gelassen mitarbeitet.
Kein Stufenplan, sondern ein Zusammenspiel
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) beschreibt die sechs Punkte als Weg, auf dem Gleichgewicht und Durchlässigkeit des Pferdes stetig gefördert werden. Wichtig ist der Zusatz: Die Punkte sind „systematisch“, nicht „schematisch“ zu verstehen, denn „sie beeinflussen sich gegenseitig und entwickeln sich teilweise parallel“ 2.
In der Praxis heißt das: Du arbeitest nie nur an einem Punkt. Wer an der Anlehnung feilt, verändert auch Takt und Losgelassenheit. Und wenn die Losgelassenheit verloren geht, leidet alles andere mit.
Sechs Ziele, die zusammenwirken
Takt und Losgelassenheit: die Grundlage
Takt ist die räumliche und zeitliche Gleichmäßigkeit der Schritte, Tritte und Sprünge. Die FN formuliert es deutlich: „Taktmäßige Bewegungen sind die Grundvoraussetzung für jede weitere Arbeit.“ Und weiter: „Takt hat viel mit dem richtigen Tempo zu tun.“ 3 Wer zu schnell reitet, treibt das Pferd oft aus seinem natürlichen Rhythmus.
Losgelassenheit liegt vor, „wenn das Pferd unverkrampft seine Muskulatur einsetzen kann und gelassen mitarbeitet“. Sie hat immer eine körperliche und eine mentale Seite 4. Ein Pferd, das innerlich angespannt ist, kann körperlich nicht wirklich loslassen.
Ein einfacher Test steht gleich mit dabei: „Regelmäßiges Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen fördert die Dehnungsbereitschaft und verhindert Verspannung.“ 4 Folgt dein Pferd der Hand willig vorwärts-abwärts, ist das ein gutes Zeichen.
Anlehnung und Schwung: die Verbindung
Anlehnung ist „eine stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul“. Die FN warnt ausdrücklich: „Wer Anlehnung nur mit dem Zügel oder mit Zwang zu erreichen versucht, befindet sich in einer Sackgasse.“ 5 Anlehnung entsteht von hinten, nicht von vorn.
Schwung meint „die Übertragung des energischen Impulses aus der Hinterhand über den schwingenden Rücken“. Er entsteht erst, wenn der Rücken losgelassen schwingt, und hat „nichts mit Tempo zu tun“ 6. Der Schritt ist übrigens keine schwunghafte Gangart 6.
Schwung ist keine Frage der Geschwindigkeit, sondern eines schwingenden Rückens.
Geraderichtung und Versammlung: das Ziel
Geraderichtung bedeutet „gleichmäßiges Gymnastizieren beider Körperhälften zum Ausgleichen der natürlichen Schiefe des Pferdes“ 7. Jedes Pferd ist von Natur aus etwas schief. Ziel ist, dass es „möglichst alle vier Beine annähernd gleichmäßig belasten“ kann 1. Das schützt Muskeln, Sehnen und Gelenke vor einseitiger Belastung 7.
Versammlung beschreibt „das Ausbalancieren auf kleinerer Grundfläche … mit energisch herangeschlossenen Hinterbeinen in guter Selbsthaltung“ 8. In den Richtlinien steht der Schlüssel dazu: „Der Schlüssel zur Versammlung ist die richtig verstandene, von hinten nach vorne gerittene halbe Parade.“ 1 Versammlung ist nicht nur etwas für Lektionen auf hohem Niveau. In kleinen Dosen hilft sie jedem Pferd, sich besser auszubalancieren.
Was die Wissenschaft ergänzt
Die Skala beschreibt, wohin die Ausbildung führen soll. Wie ein Pferd dabei lernt, erklärt die Lerntheorie. Die International Society for Equitation Science hat dazu zehn Trainingsprinzipien formuliert, darunter klare, eindeutige Signale, schrittweiser Aufbau und Selbsthaltung 9. Trainingsmethoden, die gegen diese Prinzipien verstoßen, können das Wohlbefinden des Pferdes beeinträchtigen 10.
Für deinen Alltag heißt das: Eine Hilfe sollte genau eine Bedeutung haben, und sie sollte nachlassen, sobald das Pferd richtig reagiert. Das passt gut zur Skala, denn ohne klare Kommunikation gibt es weder Losgelassenheit noch Anlehnung.
Checkliste für deine nächste Reitstunde
- Ist der Takt in allen drei Grundgangarten gleichmäßig, auch in Wendungen?
- Kaut das Pferd den Zügel willig aus der Hand?
- Fühlt sich die Verbindung weich und gleichmäßig an, auf beiden Händen?
- Schwingt der Rücken im Trab, ohne dass du schneller wirst?
- Ist dein Pferd auf beiden Händen annähernd gleich gut zu biegen?
- Kannst du es mit einer halben Parade kurz sammeln, ohne dass es eng wird?
Quellen
- Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) (2023): Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1: Grundausbildung für Reiter und Pferd, 34. Auflage, FNverlag (Verlagsseite), S. 251 und 255.
- FN: Die Skala der Ausbildung beim Pferd (Stand 03.09.2024).
- FN: Die Skala der Ausbildung: Der Takt.
- FN: Die Skala der Ausbildung: Losgelassenheit.
- FN: Die Skala der Ausbildung: Anlehnung.
- FN: Die Skala der Ausbildung: Schwung.
- FN: Die Skala der Ausbildung: Geraderichtung.
- FN: Die Skala der Ausbildung: Versammlung.
- International Society for Equitation Science: ISES Training Principles.
- McLean AN, McGreevy PD (2010): Horse-training techniques that may defy the principles of learning theory and compromise welfare. Journal of Veterinary Behavior 5, 187–195.
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