pferde·news
RATGEBER · PFERDEVERHALTEN

Kleben, Drängeln, nicht stillstehen: Alltagsprobleme verstehen und lösen

Warum Timing mehr bewirkt als Kraft.

Redaktion pferde·news
22. Oktober 2026 · 6 Min. Lesezeit
Junge Reiterin führt ein dunkelbraunes Pferd am lockeren Strick über den Reitplatz
Ein lockerer Strick zeigt: Hier führt der Mensch, ohne zu ziehen.

Das Pferd, das beim Putzen tanzt, beim Führen drängelt oder nicht vom Stall weg will: Solche Alltagsprobleme kosten Nerven. Sie haben fast immer eine nachvollziehbare Ursache. Und eine Lösung, die mit Timing zu tun hat, nicht mit Kraft.

Kurz gesagt

Pferde lernen über das, was unmittelbar nach ihrem Verhalten passiert. Druck muss genau in dem Moment nachlassen, in dem die richtige Reaktion beginnt. Kleben ist meist Trennungsstress, kein Ungehorsam. Und bevor du trainierst: Schmerz ausschließen.

Wie Pferde lernen

Die International Society for Equitation Science (ISES) hat zehn Prinzipien für pferdegerechtes Training formuliert. Sie reichen von Sicherheit und der Natur des Pferdes über Gewöhnung und Konditionierung bis zu klaren Signalen und Selbsthaltung 1. Ein Grundsatz daraus: Jedes Signal soll genau eine Bedeutung haben. Signale für verschiedene Reaktionen sollen nie gleichzeitig gegeben werden 1.

Im Alltag passiert genau das oft. Am Strick wird gezogen, um das Pferd zu bremsen, und gleichzeitig getrieben, damit es weitergeht. Für das Pferd ist das schwer zu entschlüsseln.

Timing: der wichtigste Moment

Der Druck muss in dem Moment nachlassen, in dem die richtige Reaktion beginnt 1, 2. Nicht erst, wenn sie fertig ist, und schon gar nicht Sekunden später. Kommt das Nachgeben zu spät, nehmen Konflikt- und Stressverhalten zu 2.

Das Pferd lernt nicht aus dem Druck, sondern aus dem Nachlassen des Drucks.

Auch Lob braucht eine Grundlage. Ein „Feiner Junge“ wirkt nur, wenn das Pferd die Worte mit etwas Angenehmem verknüpft hat 2. Strafe hat dagegen dokumentierte Nebenwirkungen: weniger Lernbereitschaft und Angst, die schon nach einem einzigen schlechten Erlebnis bleiben kann 2.

Stillstehen ist eine Lektion

Viele erwarten, dass ein Pferd beim Putzen oder Aufsteigen einfach stehen bleibt. Tatsächlich ist Stillstehen eine Lektion wie jede andere: Sie lässt sich gezielt auf ein Signal aufbauen 3. Positive Verstärkung kann die Situation zusätzlich angenehm machen 3.

Wichtig dabei: Schmerz- und Angstreaktionen sehen beim Pferd ähnlich aus, und Schmerz ist schwer zu erkennen 3. Ein Pferd, das beim Satteln oder Gurten nicht stillhält, sagt dir möglicherweise etwas über den Sattel oder seinen Rücken.

Frau pflegt ein Pferd in der Stallgasse, das Pferd steht ruhig
Stillstehen beim Putzen ist keine Selbstverständlichkeit, sondern trainierbar.

Kleben ist Trennungsstress

Pferde sind Herdentiere. Die Trennung von der Gruppe ist für viele ein starker Stressor. In einer Studie wurden 20 Pferde allein auf ein Paddock rund 300 Meter von ihrer Herde entfernt gebracht. Elf zeigten Angstanzeichen, sechs davon waren mehr als die Hälfte der Zeit unruhig. Stuten reagierten stärker als Wallache 4.

Wenn dein Pferd am Stall klebt oder nicht von seinem Kumpel weg will, ist das also meist kein Ungehorsam, sondern Unsicherheit. Gruppenhaltung erfüllt die sozialen Bedürfnisse von Pferden am besten und wirkt sich laut einem Review auch positiv auf die Zusammenarbeit mit dem Menschen aus 5. Training kann helfen, die Trennung Schritt für Schritt zu üben.

Zwei Pferde stehen dicht nebeneinander am Holzzaun
Viele Pferde, die kleben, sind schlicht unsicher ohne ihre Gruppe.

Drängeln und Rempeln

Ein Pferd, das beim Führen in deinen Raum drängt, hat meist gelernt, dass es damit Erfolg hat: Es kommt schneller zum Heu, zur Weide oder zurück in den Stall. Die Lösung ist ein klares Signal für „Abstand halten“ und das Nachgeben im richtigen Moment. Bleibt das Pferd auf Abstand, wird der Strick sofort locker 1, 2.

Praxisteil: drei Übungen

1. Stehen auf Signal. Gib ein ruhiges Wort- oder Körpersignal. Bleibt das Pferd auch nur zwei Sekunden stehen, löse die Spannung sofort und lobe. Verlängere die Zeit in kleinen Schritten. Steigere erst, wenn es auf der vorigen Stufe zuverlässig klappt.

2. Abstand halten beim Führen. Lege einen Abstand von etwa einer Armeslänge fest. Kommt das Pferd näher, gib ein klares Signal mit der Hand oder dem Strick nach hinten. Sobald es den Abstand wiederherstellt, wird der Strick locker. Wichtig ist der Moment des Nachgebens, nicht die Stärke des Signals.

3. Schrittweise vom Stall weg. Beginne in Sichtweite der anderen Pferde, am besten mit einem ruhigen Begleitpferd. Gehe nur so weit, wie dein Pferd entspannt bleibt, und drehe um, bevor es unruhig wird. Vergrößere die Strecke von Tag zu Tag.

Checkliste

Wann du dir Hilfe holst

Quellen

  1. International Society for Equitation Science: ISES Training Principles.
  2. McLean AN, Christensen JW (2017): The application of learning theory in horse training. Applied Animal Behaviour Science 190, 18–27.
  3. Doherty O, McGreevy PD, Pearson G (2017): The importance of learning theory and equitation science to the veterinarian. Applied Animal Behaviour Science 190, 111–122.
  4. Janicka W, Wilk I, Próchniak T (2023): Does social motivation mitigate fear caused by a sudden sound in horses? Animal Cognition 26(5), 1649–1660.
  5. Hartmann E, Søndergaard E, Keeling LJ (2012): Keeping horses in groups: A review. Applied Animal Behaviour Science 136(2–4), 77–87.
  6. Dyson S, Pollard D (2020): Application of a Ridden Horse Pain Ethogram and Its Relationship with Gait in a Convenience Sample of 60 Riding Horses. Animals 10(6), 1044.

Weiterlesen