Nervös und unruhig: Woran du Stress bei deinem Pferd erkennst
Pferde zeigen Stress oft deutlich. Wir lesen ihn nur nicht immer.
Scharren, Wiehern, Boxenlaufen, Koppen: Wenn ein Pferd unruhig ist, steckt fast immer etwas dahinter. Manches ist kurzer Stress, manches ein Zeichen, dass im Alltag dauerhaft etwas fehlt. Die gute Nachricht: Die häufigsten Ursachen liegen in Haltung und Tagesablauf, und dort kannst du viel verändern.
Akuter Stress zeigt sich durch Wiehern, Scharren, Schnauben und Unruhe. Dauerhafter Stress kann zu Verhaltensweisen wie Koppen oder Weben führen. Die wichtigsten Schutzfaktoren sind ausreichend Raufutter, Kontakt zu Artgenossen und viel freie Bewegung. Schmerz zeigt sich oft zuerst im Gesicht.
Akuter Stress: die typischen Signale
Wie Pferde auf eine belastende Situation reagieren, zeigt eine Studie mit 36 zweijährigen Warmblütern, die zum ersten Mal aufgestallt wurden. Die eine Hälfte kam in Einzelboxen, die andere paarweise. Die einzeln gehaltenen Pferde wieherten, scharrten, knabberten und schnaubten deutlich mehr 3. Die Autoren fassen zusammen: Plötzliche Einzelaufstallung ist für junge, unerfahrene Pferde belastend 3.
Im Alltag erkennst du akuten Stress an diesen Zeichen:
- häufiges Wiehern, besonders wenn andere Pferde weggehen
- Scharren, Treten, Hin- und Hergehen
- Schnauben, hoch getragener Kopf, angespannter Blick
- wenig Interesse an Futter in der Situation
Wichtig ist der Zusammenhang: Ein Pferd, das wiehert, wenn sein Kumpel ausreitet, ist nicht „nervös veranlagt“, sondern reagiert auf eine konkrete Situation.
Wenn Stress zur Gewohnheit wird
Bleibt die Belastung über längere Zeit bestehen, können sich sogenannte Stereotypien entwickeln. Das sind Verhaltensweisen, die sich ständig wiederholen, ohne erkennbares Ziel oder erkennbare Funktion 1. Die bekanntesten:
- Koppen: bei 2,4 bis 8,3 Prozent der Pferde in Europa und Kanada 1
- Weben: bei durchschnittlich rund 3 Prozent 1
- Boxenlaufen: bei gut 2 Prozent 1
In der Studie mit den jungen Warmblütern zeigten nach zwölf Wochen Einzelaufstallung 67 Prozent mindestens eine solche Verhaltensweise 3.
Eine Stereotypie ist kein schlechtes Benehmen, sondern ein Hinweis auf die Lebensbedingungen.
Die häufigsten Ursachen: Raufutter, Kontakt, Bewegung
Drei Faktoren tauchen in der Forschung immer wieder auf.
Raufutter. In einer Untersuchung an Vollblütern stieg das Risiko für Stereotypien, wenn die Pferde weniger als 6,8 kg Raufutter am Tag bekamen 2. Pferde sind Dauerfresser. Lange Phasen ohne etwas zu kauen passen nicht zu ihnen.
Kontakt zu Artgenossen. Boxen, die den Kontakt zum Nachbarpferd einschränken, erhöhten in derselben Studie das Risiko ebenfalls 2. Die Untersuchung mit den jungen Warmblütern zeigt, wie stark schon der Unterschied zwischen Einzel- und Paarhaltung ist 3.
Box und Bewegung. Eine französische Studie hat 187 Boxenpferde beobachtet. Günstig wirkten Stroh als Einstreu, ein Fenster nach draußen und weniger Kraftfutter. Je mehr Zeit die Pferde in der Box verbrachten, desto teilnahmsloser wurden sie 4. Die Autoren empfehlen so viel freie Bewegung, Kontakt zu Artgenossen und Raufutter wie möglich 4.
Nicht nur das Symptom unterdrücken
Gegen Koppen werden oft Kopperriemen eingesetzt. Stereotypien rein mechanisch zu verhindern, ohne die Ursache anzugehen, gilt in der Fachliteratur jedoch als Tierschutzproblem 1. Empfohlen wird, Haltung und Management zu verändern 1.
Auch ein verbreiteter Irrtum lässt sich ausräumen: Dass Pferde sich das Koppen voneinander abschauen, ist wissenschaftlich nicht belegt. Ein koppendes Pferd sollte deshalb nicht isoliert werden 1, denn Isolation ist selbst ein Stressfaktor.
Schmerz erkennen: der Blick ins Gesicht
Unruhe und Nervosität können auch Schmerz bedeuten. Mit der Horse Grimace Scale lassen sich Schmerzanzeichen im Gesicht einschätzen. Sie bewertet sechs Merkmale 5, 6:
- steif nach hinten gerichtete Ohren
- verengte Augenlider
- Anspannung über dem Auge
- angespannte Kaumuskeln
- angespanntes Maul mit betontem Kinn
- angespannte Nüstern mit abgeflachtem Profil
Entwickelt wurde die Skala an Pferden nach einer Kastration, später auch bei Pferden mit Hufrehe angewendet; dort hing der Wert mit dem Schweregrad zusammen 5, 6.
Stresssignale im Gesicht
Checkliste: Was hilft im Alltag?
- Raufutter so verteilt, dass keine langen Fresspausen entstehen
- Sicht- und Körperkontakt zu anderen Pferden, möglichst in der Gruppe
- Täglich mehrere Stunden freie Bewegung
- Stroh oder Einstreu, die beschäftigt
- Ein Fenster oder Blick nach draußen
- Neue Situationen schrittweise einführen statt plötzlich
- Gesichtsausdruck regelmäßig anschauen, wenn dein Pferd entspannt ist, um Veränderungen zu bemerken
Wann zum Tierarzt?
- Dein Pferd ist plötzlich unruhig, ohne dass sich an Haltung oder Alltag etwas geändert hat.
- Es zeigt mehrere der sechs Gesichtsmerkmale gleichzeitig.
- Es frisst weniger, schlägt nach dem Bauch, wälzt sich auffällig oft oder schaut zur Flanke.
- Es beginnt neu zu koppen, zu weben oder in der Box zu laufen.
- Die Unruhe tritt vor allem beim Satteln oder Reiten auf.
Quellen
- Sarrafchi A, Blokhuis HJ (2013): Equine stereotypic behaviors: Causation, occurrence, and prevention. Journal of Veterinary Behavior 8, 386–394.
- McGreevy PD, Cripps PJ, French NP, Green LE, Nicol CJ (1995): Management factors associated with stereotypic and redirected behaviour in the Thoroughbred horse. Equine Veterinary Journal 27(2), 86–91.
- Visser EK, Ellis AD, van Reenen CG (2008): The effect of two different housing conditions on the welfare of young horses stabled for the first time. Applied Animal Behaviour Science 114(3–4), 521–533.
- Ruet A et al. (2019): Housing Horses in Individual Boxes Is a Challenge with Regard to Welfare. Animals 9(9), 621.
- Dalla Costa E et al. (2014): Development of the Horse Grimace Scale (HGS) as a Pain Assessment Tool in Horses Undergoing Routine Castration. PLoS ONE 9(3), e92281.
- Dalla Costa E et al. (2016): Using the Horse Grimace Scale (HGS) to Assess Pain Associated with Acute Laminitis in Horses. Animals 6(8), 47.
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