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Schreckhaftes Pferd: Warum es erschrickt und was du im Alltag tun kannst

Kein Charakterfehler, sondern die Arbeitsweise eines Fluchttiers. Und die lässt sich trainieren.

Redaktion pferde·news
22. Oktober 2026 · 6 Min. Lesezeit
Reiterin auf einem braunen Pferd am Seeufer im Herbst, das Pferd schaut nach vorn
Ohren nach vorn, Kopf hoch: Dein Pferd hat etwas entdeckt. Was jetzt passiert, hängt auch von dir ab.

Der Regenschirm am Hallenrand, die Plane am Zaun, der Schatten in der Ecke: Manche Pferde erschrecken vor fast allem. Das ist anstrengend, manchmal auch gefährlich. Die gute Nachricht: Forschung zu Wahrnehmung und Lernen zeigt ziemlich genau, warum Pferde erschrecken und welches Training am besten hilft.

Kurz gesagt

Pferde sehen anders als wir, reagieren stark auf Bewegung und Neues und spüren unsere Anspannung. Am besten wirkt schrittweise Gewöhnung: Den Reiz erst steigern, wenn dein Pferd auf die vorige Stufe gelassen bleibt. Wird ein Pferd plötzlich schreckhafter als früher, kann auch Schmerz dahinterstecken.

Wie dein Pferd die Welt sieht

Pferde haben zwei Typen von Farbrezeptoren, wir Menschen drei. Sie sehen etwa im Bereich von Blau bis Grüngelb. Blaugrüne Töne sind für sie kaum von Grau zu unterscheiden 1. Eine blaugrüne Plane auf grauem Boden kann für dein Pferd also schwer einzuordnen sein.

Das beidseitige Sehen nach vorn, mit dem Pferde Entfernungen gut abschätzen, umfasst etwa 65 bis 80 Grad. Daneben sehen sie fast rundum, nur direkt hinter dem Pferd und unmittelbar vor der Stirn gibt es tote Winkel 1. Was seitlich auftaucht, sieht dein Pferd früh, aber nur mit einem Auge und weniger scharf.

So sieht dein Pferd

beidäugig: ca. 65–80°einäugigeinäugigtoter Winkel hinter dem PferdSO SIEHT DEIN PFERDBeidäugig nach vorn:Entfernungen abschätzenFast rundum mitje einem Auge, weniger scharfTote Winkel: direkthinter dem Pferd, vor der StirnFARBENBlau bis Grüngelb – Blaugrün wirktfür Pferde fast wie Grau.
Fast rundum sehen, aber nicht überall scharf: Deshalb bemerkt dein Pferd Dinge früher als du.

Und im Dunkeln? Die Netzhaut passt sich innerhalb von 16 bis 20 Minuten an Dunkelheit an. Die Annahme, Pferde bräuchten dafür extrem lange, gilt inzwischen als Mythos 1, 2. Bei Dämmerung und in der Nacht sehen Pferde sogar besser als wir 2. Wenn dein Pferd erschrickt, sobald das Hallenlicht ausgeht, liegt das eher am plötzlichen Wechsel als an schlechter Sicht.

Was Pferde erschreckt

Nicht jeder neue Reiz wirkt gleich stark. Neues, das sich bewegt oder Geräusche macht, ließ in Studien die Herzfrequenz von Pferden steigen. Ein fremder Geruch dagegen nicht. Glänzende weiße oder schwarze Flächen am Boden lösten mehr Reaktionen aus als grüne oder graue 1.

Das erklärt viele Alltagsszenen: die flatternde Plane, die Pfütze mit Spiegelung, der weiße Sack am Wegrand. Es sind oft Bewegung, Geräusch oder starker Kontrast, nicht der Gegenstand an sich.

Deine Anspannung zählt

Eine schwedische Studie hat das elegant getestet. Den Teilnehmenden wurde angekündigt, gleich werde ein Regenschirm aufgespannt. Das passierte nie. Trotzdem stieg ihre Herzfrequenz – und die Herzfrequenz der Pferde stieg ebenfalls, beim Führen wie beim Reiten 3.

Dein Pferd reagiert nicht nur auf den Schirm, sondern auch auf deine Erwartung.

Das heißt nicht, dass du an jedem Schreck schuld bist. Es heißt aber: Ruhig atmen, locker sitzen und nicht schon an der Ecke festhalten, an der es letztes Mal passiert ist, ist echtes Training.

Welche Gewöhnung am besten wirkt

Forscherinnen haben drei Methoden verglichen, um junge Pferde an eine flatternde Tüte zu gewöhnen 4:

Die schrittweise Desensibilisierung schnitt am besten ab: weniger Fluchtreaktionen, weniger Trainingseinheiten, und alle Pferde dieser Gruppe gewöhnten sich an den Reiz 4. Ein Detail ist für den Alltag besonders wichtig: Die Herzfrequenz reagierte noch, als die Pferde äußerlich schon ruhig wirkten 4. Ein Pferd, das stillsteht, ist also nicht automatisch entspannt.

Was du lassen solltest: Reizüberflutung nach dem Motto „da muss es jetzt durch“. Sie kann Stress verstärken und neue Ängste erzeugen 5, 6. Die Grundregel lautet: Die nächste Stufe kommt erst, wenn dein Pferd auf die vorige zuverlässig gelassen reagiert 5.

Wenn Schreckhaftigkeit neu ist: an Schmerz denken

Wird ein bisher gelassenes Pferd plötzlich schreckhaft, lohnt ein Blick auf den Körper. Mit dem sogenannten Ridden Horse Pain Ethogram lassen sich 24 Verhaltensweisen unter dem Reiter bewerten. Zeigt ein Pferd acht oder mehr davon, deutet das auf Schmerzen im Bewegungsapparat hin 7, 8. In einer Stichprobe von 60 Reitpferden lahmten 73 Prozent 7.

Auch die Augen gehören dazu: Sieht dein Pferd auf einer Seite schlechter, kann es dort häufiger erschrecken.

Praxis: Gewöhnung in fünf Stufen

Am Beispiel einer Plane, an der Hand und mit ausreichend Platz:

  1. Stufe 1: Die Plane liegt zusammengefaltet in Sichtweite. Du führst dein Pferd in großem Abstand vorbei.
  2. Stufe 2: Die Plane ist ausgebreitet, Abstand etwa zehn Meter. Lass dein Pferd schauen, lobe ruhiges Verhalten.
  3. Stufe 3: Abstand halbieren. Bleibt dein Pferd gelassen, geht es weiter, sonst zurück auf Stufe 2.
  4. Stufe 4: Am Rand der Plane entlangführen, ohne Druck.
  5. Stufe 5: Über die Plane gehen, erst ein Schritt, dann mehrere.

Arbeite in kurzen Einheiten und hör auf, während dein Pferd entspannt ist. Ein Rückschritt ist kein Scheitern, sondern ein Zeichen, dass die Stufe noch zu groß war. Erst wenn es an der Hand klappt, kommt dasselbe unter dem Sattel.

Wann zum Tierarzt?

Quellen

  1. Roth LSV, McGreevy P (2025): Horse vision through two lenses: Tinbergen's Four Questions and the Five Domains. Frontiers in Veterinary Science 12, 1647911.
  2. Murphy J, Hall C, Arkins S (2009): What horses and humans see: a comparative review. International Journal of Zoology, 721798.
  3. Keeling LJ, Jonare L, Lanneborn L (2009): Investigating horse–human interactions: the effect of a nervous human. The Veterinary Journal 181(1), 70–71.
  4. Christensen JW, Rundgren M, Olsson K (2006): Training methods for horses: habituation to a frightening stimulus. Equine Veterinary Journal 38(5), 439–443.
  5. McLean AN, Christensen JW (2017): The application of learning theory in horse training. Applied Animal Behaviour Science 190, 18–27.
  6. International Society for Equitation Science: ISES Training Principles.
  7. Dyson S, Pollard D (2020): Application of a Ridden Horse Pain Ethogram and Its Relationship with Gait in a Convenience Sample of 60 Riding Horses. Animals 10(6), 1044.
  8. Dyson S, Berger J, Ellis AD, Mullard J (2018): Development of an ethogram for a pain scoring system in ridden horses. Journal of Veterinary Behavior 23, 47–57.

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